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Stolperstein Dr. Luckner 2018

Stolperstein der NS Widerstandskämpferin Dr. Gertrud Luckner

Im Boden vor dem Schulgebäude ist der im Bild gezeigte Stolperstein eingelassen. Diesen Stolperstein gibt es in Freiburg an mehreren Standorten, wovon ein weiterer Teil dieser Tour handelt. Der Stein ist Teil eines Projekts zum Erinnern und Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Der nun folgende Essay zweier Schülerinnen zum Thema Gedenken beleuchtet die Aspekte, warum und wie den Opfern des Nationalsozialismus gedenkt und erinnert wird und was es genau mit den Stolpersteinen und anderen Orten des Gedenkens auf sich hat.

 

GEDENKEN

Die deutsche Geschichte handelt von vielen Ereignissen, welche sie schmücken und woran wir uns gerne zurückerinnern. Jedoch gibt es auch dunkle Zeiten, die von Grausamkeit und Ungerechtigkeit geflutet sind. Es sind Jahre, in denen die eigene Religion, eine Behinderung oder Widerstand über Leben und Tod entscheiden konnten. Der Fanatismus eines Einzelnen brachte ein ganzes Volk dazu, Mitmenschen, die nicht in das ideologische Bild passten, systematisch zu ermorden und all ihre Spuren zu verwischen. Der Antisemitismus während des Nationalsozialismus begräbt etwa sechs Millionen Juden und auch andere Menschen, die nicht „in das Bild passten“, unter sich. Der Versuch, die grausamen Geschehnisse rückgängig zu machen, ist vergebens. Gedenkstätten und -tage erinnern uns jährlich an die Gräueltaten, die unsere Mitmenschen auf Grund ihrer Glaubensrichtung erleiden mussten. Schlimme Schicksale sollen so aufgearbeitet werden, doch die Zahl der unbekannten Opfer ist groß. Aus Freiburg stammende Holocaustopfer werden in Büchern teilweise nicht einmal erwähnt, jedoch zählt man hier 351 im Nationalsozialismus ermordete Juden.

Man nahm Ihnen alles, was sie besaßen, zuletzt sogar das Wertvollste, was ein Mensch besitzen kann: seinen Namen. Mit einem Name wird der Mensch beschenkt, bevor er das Licht der Welt erblickt und er wird das Letzte sein, was ihm bis nach seinem Tode erhalten bleibt. Der Tod beendet nur die Existenz eines menschlichen Individuums. Im Talmud, einem der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums, heißt es: »Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist«. Der Name gibt dem Menschen eine Identität und Würde. In Verbindung mit dem Namen stehen die eigenen Wertvorstellungen und die persönlichen Eigenschaften, die einen Menschen ausmachen. Durch den Namen eines Menschen können Erinnerungen an ihn wieder geweckt werden; man kann an den Menschen zurückdenken. Diese Gedanken an ihn sind die letzte Ehre, die man ihm erweisen kann.

Anlässlich des Gedenktages „Jom haScho’a“ am 12. April 2018 gedenkt die israelische Gemeinde auf dem Platz der alten Synagoge öffentlich den Holocaustopfern aus Freiburg. Am Abend zuvor brennen sechs Kerzen symbolisch für die sechs Millionen Juden aus Deutschland, die ihr Leben für ihre Glaubensrichtung im Nationalsozialismus gelassen haben. Die Vorsitzende der israelischen Gemeinde, Irina Katz, beteuert wie wichtig es sei, die Geschehnisse und das Unrecht in der NS-Zeit sichtbar und erkennbar zu machen. Dies bildet das Ziel des Gedenktages und darum gibt es eine Gedenkstätte wie den Platz der alten Synagoge in Freiburg. Schüler der Getrud-Luckner Gewerbeschule brachten sich mit ein und verlasen die Namen der Holocaustopfer.

Eine besondere Gedenkstätte wurde im Oktober 2008 in Padua (Italien) eingeweiht und steht unter dem Patronat des italienischen Staatspräsidenten. Es ist der »Garten der Gerechten der Welt« (ital. Giardino dei Giusti del Mondo). An diesem Ort wird das Gedenken an Einzelpersonen bewahrt, die von Genoziden des 20. Jahrhunderts bedrohte Menschen retteten, Genozide wie der Holocaust, der Völkermord an Armeniern, der Völkermord in Ruanda, der bosnische Völkermord. Ein nur nach einer Seite offenes umfasstes Karree mit einem Skulpturenpark bildet das Zentrum der Gedenkstätte. Der von Hannah Arendt zugeschriebene Satz schmückt die Wände des Karrees. Er lautet: »Man kann immer ja oder nein sagen«. Schließlich wurden auf der Wiese 2008  die ersten Gedenkstelen für 10 Gerechte aufgestellt und für jeden von ihnen ein Baum gepflanzt. Jährlich werden weitere Gerechte aufgenommen; unter Ihnen sind auch bereits von Yad Vashem als »Gerechte unter den Völkern« geehrte Menschen wie die Namenspatronin unserer Schule, Frau Dr. Gertrud Luckner. Wir Schüler bekamen im Rahmen einer Klassenfahrt die Möglichkeit diese besondere Gedenkstätte zu besichtigen.

Neben dem »Garten der Gerechten der Welt« gibt es noch weitere Orte, die zum Gedenken an mutige, hilfsbereite Menschen aus der Zeit des Nationalsozialismus erinnern. Das, durch den Künstler Gunter Demnig, hervorgerufene Projekt »Stolpersteine« stellt den Versuch dar, die Namen den Opfern des Nationalsozialismus zurückzugeben und sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Seit nunmehr 20 Jahren verlegt er Pflastersteine vor Häusern, in denen Opfer der Zeit des Nationalsozialismus ihren letzten bekannten, selbst erwählten Wohnsitz hatten. Darunter befinden sich Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, politisch Verfolgte, Zeugen Jehovas und Euthanasie-Opfer. Die kleinen Gedenktafeln haben eine große Wirkung: Viele Menschen sind beim Anblick der Steine ergriffen, denn die dramatischen Schicksale sind durch sie plötzlich sehr nahe. Doch der Künstler erntet auch Kritik, die besagt, dass die jüdischen Opfer abermals durch die, in den Boden eingelassenen Steine, mit Füßen getreten würden. Gunter Demnig erwidert jedoch mit den Worten: »Wer sich bückt, um die Inschrift der Stolpersteine zu lesen, verbeugt sich vor den Opfern.«

Der einzige Weg zu einer Linderung unserer Taten während der Zeit des Nationalsozialismus ist der, des Gedenkens und der Aufklärung in unserer Gesellschaft.

Ein Stolperstein, den wir in unsere Führung "auf den Spuren Gertrud Luckners" aufgenommen haben, befindet sich vor der Gertrud-Luckner-Gewerbeschule in Freiburg. Gertrud Luckner war eine Frau, die für etliche Juden und Verfolgte zur Zeit des Nationalsozialismus sorgte und sich für sie einsetzte. Sie wuchs als Jane Hartmann bei Pflegeeltern auf, an die sie kurz nach ihrer Geburt übergeben wurde. Schon früh nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, bemerkte sie, dass diese eine Gefahr für Deutschland und die Bevölkerung darstellen würden. Gertrud Luckner war eine überzeugte Pazifistin und durch ihre Aktivitäten und den engen Kontakten zu Juden dem NS-Regime suspekt. Lange Zeit wurde sie bespitzelt und schließlich auf der Zugstrecke von Offenburg nach Karlsruhe festgenommen. Vom 5. November 1943 an wurde Gertrud Luckner schließlich im KZ Ravensbrück interniert. Als die rote Armee 1945 schließlich die Gefangenen der Konzentrationslager befreite, war sie eine unter ihnen.

Gertrud Luckner war stets um ihre Mitmenschen bemüht und stellte so eigene Bedürfnisse hinten an. Sie hatte, wie wir wissen, keine Liebesbeziehungen und nie eine Familie, die ihr den Rücken freihalten konnte, für die Sie jedoch auch bis zur eventuellen Bestechlichkeit verantwortlich hätte sein müssen. Die Liebe, die sie erfuhr, war die ihrer Mitmenschen, die ihr unendlich dankbar für ihre Hilfe waren. So baute sie ein großes Netzwerk aus Helfern zusammen, welche ihr während des Nationalsozialismus halfen, Juden und Verfolgte zu verstecken und ihnen die Freiheit zurückzugeben. Sie selbst empfand ihre Hilfe als selbstverständlich und hat sich nie durch ihr Engagement in den Vordergrund gedrängt. Ihren Mut, den sie durch ihre Arbeit im Untergrund erwies, macht sie zu einer der angesehensten Personen in Freiburg und der Umgebung. Für ihr Lebenswerk erhielt sie von der israelischen Regierung den Ehrentitel „Botschafterin der Menschlichkeit“. 1961 wurde bei Nazareth ein „Gertrud-Luckner-Hain“ angepflanzt. Schließlich wird ihr 1966 die Yad-Vashem-Medaille und der Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ überreicht. In der „Allee der Gerechten“ in Yad Vashem steht seit 1969 ein Baum ihr zu Ehren, den wir auf unserer Reise dorthin im Oktober aufsuchen werden. Auch die deutsche Bundesregierung hat die Lebensleistung von Gertrud Luckner gewürdigt mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Band. Noch bevor sie 1995 in Freiburg starb, wurde unsere Gewerbeschule nach ihr benannt.

 

Ort Freiburg im Breisgau
Autor GLGSFR
Kategorien
Stadtbild
Erinnern
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Lizenz Unbeschränktes Nutzungsrecht (Public Domain)
Bildquelle
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GLGSFR
Zugeordnete Touren Auf den Spuren Gertrud Luckners

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